Hasan Cobanli, Lesung am Donnerstag, den 1. März 2018 um 19.00 Uhr

Hasan Cobanli, Lesung am Donnerstag, den 1. März 2018 um 19.00 Uhr

Hasan Cobanlis „Erdoganistan“ :

Törrörüstler sieht er überall

Von Rainer Hermann, F.A.Z.
-Aktualisiert am 27.11.2017

Hasan Cobanli seziert das System Erdogan – und zeigt, wie der türkische Präsident den Krieg, den er im eigenen Land führt, nach Deutschland exportiert. Eine Abrechnung, wie es sie noch nicht gegeben hat.

So eine Abrechnung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinen Anhängern in der Türkei wie in Deutschland hat es noch nicht gegeben. Hasan Cobanli, in Istanbul geboren und als Journalist in München lebend, nimmt kein Blatt vor den Mund: Er beschreibt Erdogan als einen Politiker, der „Kriege entfacht, Bürgerkriege führt und in alle Richtungen Hass predigt“.
Rainer Hermann

Rainer Hermann

Redakteur in der Politik.

F.A.Z.

Er sieht im „kollektiven Beleidigtsein“ einen wichtigen Bestandteil des neuen türkisch-muslimischen Selbstverständnisses, und besorgt schreibt er, der Konflikt zwischen den Ja-Sagern, die aus der Türkei ferngelenkt würden, und den kritischen Nein-Sagern werde sich tiefer denn je in die deutsche Gesellschaft hineinfressen, je klarer in der Türkei die Würfel gefallen sind.

Cobanli, Enkel einer der Helden des türkischen Unabhängigkeitskriegs, ist nicht zwischen Deutschland und der Türkei Erdogans hin- und hergerissen. Er wurde zwei Jahre vor Erdogan, 1952, geboren, und mit dessen Türkei hat er abgeschlossen. Für ihn ist „Erdoganistan“ ein Staat, der sich anmaßt, den Bürgern ihre Bedürfnisse zu diktieren, und ein Schiff, das in unsichere Gewässer abdriftet und dabei Kurs auf den Sumpf Nahost nimmt.
Begegnung der beiden Männer

Seine Abrechnung enthält viel Polemik und ist streckenweise sehr unterhaltsam. Denn Cobanli beobachtet gut, und er bleibt gegenüber Erdogan durchaus fair. So würdigt der Autor Erdogan als einen erfolgreichen Bürgermeister Istanbuls, „nach Ansicht vieler der effizienteste, den die Stadt“ hatte. Erdogan stehe für einen „Turbo-Kapitalismus pur und eine Re-Islamisierung der Gesellschaft, aber ebenso für ordentliche Müllabfuhr und pünktlichen Busverkehr“. Cobanli zeichnet Erdogans Weg vom jungen wehrhaften Straßenverkäufer und frommen Koranschüler zum pragmatischen City-Manager und schließlich zum „progressiven Reformer“ nach, der sich dann aber von der Ablehnung durch die EU düpiert fühlte.

Das Jahr 2007 brachte den Bruch: Die Armee drohte mit einem Putsch, es blieb aber bei der Drohung, und im Verfassungsgericht fehlte nur eine Stimme, um Erdogans allein regierende AKP zu verbieten. Cobanli beschreibt Erdogans Reaktion darauf so: „Erdogan reagierte wie ein Büffel, der erkennt, dass die Jäger ihr Pulver verschossen haben: Rasend vor Wut, zielstrebig und mit den fiesesten Methoden ging er zum Gegenangriff über. Jetzt war seine Chance da, seine Macht festzuklopfen.“ Mit jedem Wahlsieg wurde er autoritärer, er ließ bürgerliche Proteste niederknüppeln und begann, überkommen geglaubte islamistische Lebensregeln durchzusetzen.

Einmal sind sich die beiden begegnet, da war Erdogan noch Oberbürgermeister. Sie unterhielten sich auf einer Investmentbanker-Party über dem Bosporus. An dem Abend habe jeder gespürt, dass dieser Mann, trotz seines laschen Händedrucks, Macht verkörperte. Die beiden stellten fest, dass sie fast gleich alt sind und nur wenige Kilometer entfernt in Istanbul geboren wurden, aber Lichtjahre voneinander getrennt aufgewachsen sind: Erdogan im rauhen Hafen- und Arbeiterviertel Kasimpasa, Cobanli im vornehmen Nisantasi.
Wie bei der Mafia

Sie stellten fest, dass sie als Kinder den Putsch von 1960 völlig verschieden erlebt haben. Damals setzten die Generäle die Regierung des konservativen und islamischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes ab. Cobanlis Vater, ein Anhänger Atatürks, mochte Menderes nicht und begrüßte den Putsch. Erdogans Vater aber, ein einfacher Arbeiter, habe geweint, als Menderes gehängt wurde. „Für mich ist Menderes heute Vorbild“, sagte Erdogan dem Gast. Die zwei Welten, in die die Türkei heute auseinanderfällt, waren vorgezeichnet.

Heute ist da zum einen Erdogans „Hang zum Sultanat, zum grotesk luxuriösen Lebensstil, der allenfalls den Traum eines Mafioso vom Luxus repräsentiert“, und da ist auch der wachsende Realitätsverlust eines selbstverliebten Autokraten, der ein gewaltiges privates Vermögen angehäuft hat, der an loyale Anhänger Staatsaufträge im Stil der Mafia vergibt und der eine paramilitärische AKP-Schutzstaffel, eine Art Palastgarde, geschaffen hat. Um seine persönliche Macht zu schützen, erfinde Erdogan Feinde, die er – „in zynischer Missachtung der in der zivilisierten Welt geltenden Definition des Begriffs“ – „törrörüstler“ nenne, schreibt Cobanli. Der Bannstrahl kann alle treffen.

Erdogan repräsentiere nicht nur eine Hälfte der Türkei, die nicht nach Europa gehöre und nicht dorthin wolle; er habe sie auch mitgeschaffen, schreibt Cobanli. Seine Wähler hielten Poltern, Drohen und wütendes Behaupten alternativer Fakten für selbstbewusst. Ein zentraler Satz Cobanlis lautet: „Was den Zocker Erdogan zu einer der umstrittensten politischen Gestalten unserer Zeit macht, ist sein zum Zwang ausgewachsenes Talent, seine Anhänger und sich selbst in Gekränktheit, Zorn und Geifer hineinzusteigern, und dies als moralische Entrüstung zu maskieren.“
Erdogan „befeuert den Frust der Loser“

Cobanli hat viele Konversationen mit Anhängern Erdogans geführt, direkt in der Türkei und in Deutschland, auch über die Sozialen Medien. Er selbst kam zur Überzeugung, dass sich hier zwei unvereinbare Welten gegenüberstehen: Erdogans Anhänger sind gegen Korruptionsermittlungen, weil ein Staatsanwalt für und nicht gegen den Staat zu sein habe; sie sind gegen eine unabhängige Justiz und gegen eine kritische Berichterstattung – „denn das Volk hat schon genug Probleme“. Auch sind sie gegen westliche Werte – „wer braucht denn die in der Türkei?“. Und so sammeln sie sich hinter ihrem Führer, den sie gar nicht verstünden, wenn er differenzieren würde.

Cobanli kritisiert, dass den jungen Türken ein Untertanengeist anerzogen werde, der bis in die Erziehung junger Türkischstämmiger in Deutschland hinein wirke. Wo die so Erzogenen auf andersdenkende Mitmenschen stießen, verrohten Sprache und Benehmen. Laut Cobanli erkennt „man den religiös-konservativen, chauvinistischen Türken, egal welchen Alters, an seinen Verhaltensweisen im Alltag: etwa daran, wie er eine Kellnerin nicht ansieht, wenn er Essen und Trinken ordert, an einem rücksichtslosen Fahrstil, den Ellbogen weit aus dem Fenster, ja schon daran, dass er besonders breitbeinig im Caféhaus sitzt“. Ernüchternd sind Cobanlis Begegnungen mit Erdogans Anhängern in Deutschland. Einer antwortete ihm auf die Frage, weshalb er denn noch in Deutschland lebe: „Weil er mich hier braucht.“ Und dabei treten sie dafür ein, dass Freiheiten, die sie hier genießen, in der Türkei abgeschafft werden. Der deutschen Politik macht der Autor Vorwürfe: Sie habe geduldet, aber nicht gehandelt. So stünden sich heute Gegner der Diktatur und deren Befürworter gegenüber, die „ein Klima nackter Angst“ verbreiteten und vor Selbstbewusstsein strotzten, und so sei die „heuchlerische Ditib“ eine AKP-Wahlkampftruppe und kein Gesprächspartner.

Cobanli wirft den deutschen Anhängern Erdogans vor, seinen Krieg zu importieren: Besonders jüngere Türkischstämmige seien fanatisch und bekennten sich zur Diktatur. Im Gegensatz zu ihren Vätern und Großvätern fühlten sie sich unter den Türkischstämmigen als Verlierer, schreibt Cobanli. Die alte Generation war noch der Verelendung in ihrer Heimat entkommen, viele in der jungen Generation stünden auf der Verliererseite, und Erdogan „befeuert den Frust der Loser“. Die Loser sollten sich nichts vormachen: Auch in der Türkei würden sie sich nicht integrieren und schnell Probleme bekommen.

Cobanli rechnet nicht mit einer baldigen und erfolgreichen neuen Erhebung, er rechnet aber auch nicht mit einem Sturz Erdogans durch einen Militärputsch, wohl aber durch ein „Aufbegehren aus dem Volk“. Wann, wisse niemand. Er ist aber optimistisch, denn auch in der heutigen „Dunkeltürkei“ sei noch jeder Zweite gegen Erdogan. Einen Appell richtet er an Europa, diese andere Hälfte der „einstweilen gescheiterten Demokraten“ nicht fallenzulassen. Sie allein werde eine bessere Türkei begründen können.

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