Jasmine Rossi

Jasmine Rossi

Ausstellung vom 24. Februar bis 21. April 2016



Vor langer Zeit, übermorgen

zu den fotografischen Arbeiten von Jasmine Rossi

Nichts ist von Menschenhand beeinflusst. Jasmine Rossi zeigt Natur in ihrer elementaren Gestalt. Rund um den Globus ist sie gereist, von den eisigen Welten der Pole
zu den Wüsten der südlichen Halbkugel, um die Orte
der puren Materie zu fotografieren.

Das Kunst-Genre der Landschaftsansicht wäre als Klassifizierung für ihre Arbeit nicht genügend – weder aus der Sicht der Malerei noch aus der Sicht ihres Mediums,
der Fotografie. Würde das forschende Interesse einer umweltbewussten Reisenden ausreichen? Liegt also ein dokumentarischer oder gar ein philosophischer Antrieb zugrunde? Auch wenn beides zutrifft, so spielt doch vor allem Kreativität eine Rolle.

Die Fotografin vereint in ihrer Arbeit einen systematischen Ansatz mit einem sicheren Gespür für die Einmaligkeit eines Bildes. Aber selbst das verblüffendste Motiv wäre nicht des Betrachtens wert, läge nicht auch in ihm die Schönheit der Schöpfung. Um sie hervorzuheben, verwendet Rossi ihr ganzes Können. Sie hat Sinn für die Inszenierung des Schönen; eine Fähigkeit, ohne die Kunst nur schwer funktioniert.

Für ihre Themen wählt sie Kontraste der Erdoberfläche. Jeder Bildkomplex ist mit mehreren Reisen unter extremen Bedingungen verbunden und wird lange und intensiv behandelt. Es sind immer Sujets, die auf uns Zivilisationsmenschen ganz besondere Anziehung ausüben – nicht allein, weil sie so ursprünglich und schwer erreichbar sind. Auch das Stoffliche spielt eine große Rolle: die Transformation des Wassers zum Kristall aus Eis ist für uns ein immerwährendes Faszinosum. Im ewigen Eis sind die Aggregatzustände unseres Planeten mit festen und flüssigen Massen zur Landschaft geworden. Die Fotografin Jasmine Rossi ist im Herzen eine Bildhauerin, die genau diese Materie als skulpturale Form bei ihren Motiven sucht und betont. So zeigt sie uns, dass der abgelöste Block eines Eisberges durchaus vergleichbar ist mit einer modernen Plastik.

Ihr Interesse gilt nicht nur der Materie als plastische Erscheinung sondern auch der Farbe und Textur eines Motives. Nicht umsonst ist der Werkkomplex der Eisberge gegliedert in vier verschiedenfarbige Stadien des Eises von transparent über blau und grün bis schwarz. Genauso hat das Fehlen der Farbe Bedeutung, denn es zählt zur optischen Hülle eines Körpers wie seine Farbigkeit.
Dabei arbeitet Rossi nicht mit schwarz/weiß Fotografie.
Sie erlaubt vielmehr den Phänomenen Licht und Schatten, unter gewissen Gegebenheiten die Farbe zu ‚schlucken‘.

Ihre Arbeitsweise ist zielbewusst: sie sucht und findet Motive, um sie nach ihren Vorstellungen zu inszenieren.
So ist ihr Vorgehen abzugrenzen von der rein digitalen Bildkunst, deren Omnipotenz zahllose Möglichkeiten der Fiktion einer Landschaft aus dem Computer kennt.
Rossi legt die sachlichen Faktoren wie Lichtführung, Ausschnitt, Druck, Papier und Rahmung für jeden Zyklus individuell fest. Die Eisgebirge der Antarktis werden als Großdiapositiv für LED-Lichtkästen produziert, damit ihr unergründliches Türkisblau am besten zum Leuchten kommt. Ganz anders der Charakter der Araukarien-Bäume. Deren Fotografien, in der Schneelandschaft der Anden aufgenommen, werden auf zartes Bambuspapier gedruckt und ohne Glas in Holz gerahmt.

Die Araukarie nimmt einen besonderen Stellenwert im Schaffen der Fotografin ein. Eine ganze Serie hat sie den heiligen Bäumen, die älter sind als die Menschheit, gewidmet. Die Aufnahmen aus dem ewigen Schnee Patagoniens verzaubern, ihre Atmosphäre ist wie zarte Poesie. Die Bäume sind vom weißlichen Licht der Kälte
und des Schlafes umgeben. Sie stehen der hohen Kunst japanischer Tuschmalerei, die mit wenigen zarten Linien eine Gebirgslandschaft auf Papier hauchen kann, näher,
als dem Realismus einer Farbfotografie.

Diesen Fotografien lassen eine Rückbesinnung auf die Malerei erahnen. Als würden sie aus der Imagination,
nicht aus der sichtbaren Welt stammen. Man muss nicht Caspar David Friedrich und seine grandiosen Naturbilder zitieren um zu begreifen, wie stark bei Rossi die Tendenz zum Metaphysischen ist. Ihre Bilder weisen über sich hinaus, sie lassen den Betrachter mehr erahnen, als er sieht. Dabei lenkt ihn keine Spur des Menschlichen ab.
Er blickt auf die überwältigende Landschaft als stünde er direkt vor ihr, nichts relativiert das visuelle Ereignis.

Jasmine Rossis fotografische Zyklen schweifen zurück in eine vor-archaische Zeit und blicken weit in die Zukunft voraus. Die abgebildeten Ur-Landschaften der Erde überdauern ganze Zivilisationen. Um sie zu portraitieren, braucht es eine andere Perspektive, als um das Gesicht eines Menschen zu zeichnen. Wenn mit jedem Bild eine unendliche Geschichte erzählt werden soll, gilt ein anderer Zeitbegriff.
© Dr. Barbara Rollmann-Borretty, Kuratorin, München

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