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Faces of Africa - Finissage
Mario Marino
Mario Marino

Finissage am 23. Mai, 19 Uhr, in der Galerie Reygers, Widenmayerstr. 49

Ausstellung vom 7. Februar - 24. Mai 2012
Mo.-Do. 16-19 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung geöffnet.

Drei Tage braucht der Jeep von Addis Abeba bis in das Flusstal des Omo. Die Strecke misst nur tausend Kilometer, doch katastrophale Straßenbedingungen, beißende Hitze und unvorhersehbare Ereignisse machen die Autofahrt zu einer unkalkulierbaren Expedition. Als der österreichische Fotograf Mario Marino in diese Region aufbrach, war es ein unerwarteter Wolkenbruch, der sein Vorhaben beinahe gestoppt hätte. Der 44-Jährige, der über zwei Jahrzehnte professionelle Erfahrungen im Galeriebetrieb und Kunsthandel gesammelt hat und auf eine erfolgreiche Periode als Auftragsfotograf für Werbung und Mode zurückblickt, beherrscht die Spielregeln, Strategien und Vernetzungen des Marktes. Mit seinem Afrika-Projekt wechselt er erstmalig die Seiten und vermarktet sich selbst als Künstler. Dass ihm dies vortrefflich gelingt, zeigt demnächst die Münchener Galerie REYGERS mit ihrer Ausstellung „Faces of Africa“.

Marino suchte nach archaischen Riten, kulturellen Ursprüngen und inter-ethnischen Codierungen, die sich hier, im Süden Äthiopiens, in einer einzigartigen Vielfalt erhalten haben. Ethnologen orten das Gebiet als „Wiege der Menschheit“ und fühlen sich durch den 2003 gemachten Fund von drei 160.000 Jahre alten Menschenschädeln in ihrer Recherche bestätigt. Das hat die Tourismus-Branche hellhörig gemacht und Reiseveranstalter vermarkten die Gegend inzwischen als „lebendiges Museum“. Billigkleidung, Plastikmüll und Alkoholmissbrauch breiten sich aus und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch diese noch intakten Kulturen der Vergangenheit angehören.
Marino nahm diese existenziellen Veränderungen als Impuls und entwickelte ein Afrika-Projekt, das sich in drei Werkgruppen über mehrere Jahre mit Ethnien aus Äthiopien, Kenia und Tansania beschäftigt. Im Flusstal des Omo, dem ersten Abschnitt seines ambitionierten Vorhabens, suchte er sieben Volksgruppen auf, wählte seine Protagonisten auf Straßen und Märkten aus und stellte sie in ihrem alltäglichen Habitus vor die Kamera. Individualität und ethnische Verwurzelung waren seine Auswahlkriterien, doch vor allem, so sagt er, faszinierte ihn der unverbrauchte und von den Medien noch unberührte Blick, den ihm die Menschen entgegen brachten. Die Fotos entstanden unter improvisierten, Jahrmarktsbuden-zauberähnlichen Produktionsbedingungen. Oft sah sich Marino umringt von einer neugierigen, erregt gestikulierenden Menschentraube, sodass er die Linie zwischen seinem Objektiv und der zu porträtierenden Person nur mühsam frei halten konnte.

Es sind Abbilder von Menschen mit weiß getünchten Gesichtsmasken und wellenförmigen Körperbemalungen, floralen, filigranen Haargestecken, breiten Perlen- und Muschelketten und beeindruckenden Schmucknarben und Brandings. Marino hat furchteinflößende Mursi-Krieger fotografiert, die, mit einem blau karierten Wickeltuch bekleidet, stolz, skeptisch und erhaben in die Kamera blicken und ihre Lanze und Kalaschnikow wie eine Trophäe der Unbesiegbarkeit in den Händen halten. Er hat ein Mädchen getroffen, das eine Blumenvase auf dem Kopf balanciert, um so nach Stammestradition seine Reife zu demonstrieren, und ist den sehnig-trainierten Jägern vom Stamm der Tsimaw begegnet, die ihre Tieropfer bis zur Erschöpfung hetzen und für das Foto selbstbewusst ihre Narben zur Schau stellen.

Die Fotoarbeiten bezwingen durch ihre zeitlose Schönheit und Eleganz. Sie zelebrieren den Gestus der Klassischen Moderne und werden nicht zuletzt wegen einer peniblen Nachbereitung zu Glamourbildern. Marinos Anleihen an die Modefotografie sind unverkennbar. Er hat die Ureinwohner wie Models und Stars inszeniert und ihnen so manches an Glanzlicht verpasst. Unausweichlich denkt man an die romantisierenden Indianerbilder von Edward Curtis, an das Projekt „In the American West“ von Richard Avedon und auch an die unermüdliche Beschäftigung von Leni Riefenstahl mit den Stämmen der Nuba. Man erinnert sich auch an die vielen, namenlosen Foto-Dokumentationen von Kolonialisten, Rassenforschern und Abenteurern, die unser Bild vom „schwarzen Kontinent“ bis in die Sechzigerjahre entscheidend geprägt haben.

Der Künstler distanziert sich von diesem namenlosen Archiv. Seine Fotoarbeiten katalogisieren nicht, sie sind keine ethnologischen Studien. Marino verfängt sich nicht im Kritisch-Dokumentarischen, im Aufzeigen von Globalisierungsschäden und kulturellem Verfall. Er löst seine Protagonisten aus ihrem sozialen Kontext und begegnet ihnen auf Augenhöhe. Er will die kulturellen Wurzeln der Menschen erspüren, und ein – wie er es benennt – „fotografisches Psychogramm“ herstellen. Dafür verlangt er von seinem Gegenüber Intensität und ist gewandt genug, seinen gnadenlosen Perfektionsanspruch hinter einer jungenhaft-lässigen Haltung zu verbergen. Vielleicht liegt hier das Geheimnis und die Magie seiner Arbeiten verborgen; denn man rätselt, wie er den Einwohnern des Omotals diese betörenden, eindringlichen, unausweichlichen Blicke entlocken konnte.

Die Blicke überzeugten auch die Jury des weltweit renommierten Taylor Wessing Photographic Portrait Prize 2011. Die Kommission lud den Fotografen zu ihrer jährlichen Gruppenausstellung in der National Portrait Gallery in London ein, und – als ob das nicht schon Lob genug wäre – honorierte sie auch noch ein Fotomotiv von ihm als Katalogdeckblatt und Poster. Kein schlechter Start für einen Newcomer.

(Auszüge aus artnet von Ric Schachtebeck, 8.11.2011)

Wednesday, 23rd May 2012 – Thursday, 24th May 2012

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